Tag 69: Wie meine Empathie für andere zu einem Lügengebäude über mich selber geführt hat

In fast allen meinen Beziehungen, ob sie nun partnerschaftlich, freundlich, fremd oder familiär sind, liegt es mir immer sehr am Herzen, andere Menschen nicht zu verletzen. Ich spüre sehr schnell, wenn sie traurig oder bedrückt sind, auch wenn sie das zu überspielen versuchen. Dann möchte ich gerne helfen und tue dann Dinge, die mich und meinen Weg kompromittieren. Diese Gefahr besteht besonders bei intimeren partnerschaftlichen Beziehungen, in denen ich mich nach einer gewissen Zeit immer fremd bestimmt fühle. Ich kann meine Grenzen nicht klar setzen, sie nicht einmal definieren, und so lasse ich mich immer wieder in Situationen hinein ziehen, die mich von meinem Weg abbringen, nur um dem Anderen einen Gefallen zu tun und seine/ihre Traurigkeit nicht erleben zu müssen, wenn ich NEIN sage.

Gerade in esoterischen Kreisen wird ja oft von Altruismus, also dem Dienst am Anderen (Service to Others), gesprochen. Egoismus ist verpönt. Alles richtet sich an den Bedürfnissen anderer aus. Die eigenen Bedürfnisse dürfen keine Rolle spielen.

Mit dieser Thematik habe ich mich lange auseinander gesetzt, weil ich sie nie richtig durchschaut habe. Das geht ehrlich gesagt schon seit meiner Pubertät so, also seit gut 40 Jahren. Und so langsam dämmert es mir.

Ich glaube dass Egoismus in der Form, in der er andere Menschen als Mittel zur Erfüllung eigener Zwecke benutzt, einfach grundweg falsch ist. Wenn jemand andere braucht, um eigene Ziele erreichen, und sie für seine Zwecke einspannt, dann ist das falsch. Natürlich kann man sagen, dass der andere selber Schuld ist, wenn er zustimmt, denn es ist ja sein eigener Wille gewesen und er wurde nicht gezwungen. Ich sehe es aber inzwischen so, dass man nicht immer mit der Peitsche zu etwas gezwungen werden muss, sondern es auch viel subtilere Formen gibt. Zum Beispiel Tränen, oder Traurigkeit, oder das Einreden eines schlechten Gewissens. Sicher gibt es noch weiter Beispiele, aber dies sind die Mechanismen, denen ich wieder zum Opfer falle und durch die ich mich von anderen einspannen lasse. Und das betrifft sogar den Umgang mit meinen älter werdenden Eltern, die einfach mal Gesellschaft möchten, weil sie sonst so einsam sind.

Ich finde es sehr schade, dass die Gesellschaft so geworden ist, dass ältere Menschen oft allein da stehen. Die familiären Strukturen sind zerbrochen und Alters-Einsamkeit ist die Regel geworden. Das ist sehr bedauerlich und ich möchte auch gerne alte Formen des Zusammenlebens (Mehr-Generationen-Wohnen) wieder reaktivieren. Dennoch spüre ich auch hierbei, dass es mir dabei auch darum geht, selber im Alter nicht allein dazu stehen. Aus diesem Grund gehe ich auch zu meinen Eltern und besuche sie, auch wenn wir uns oft nicht viel zu erzählen haben. Was wir in unserer Gesellschaft bisher nicht gelernt haben, ist den inneren Frieden in uns selber zu entwickeln und zu entdecken, dass wir gerade auch in der Einsamkeit und im Alleinsein unser wahres Ich entdecken können. Dann „brauchen“ wir niemanden mehr, um uns mit uns selber wohl zu fühlen. Doch die meisten Menschen werden schon unruhig, wenn sie mal 2 Minuten nicht mir irgend etwas, und sei es noch so unsinnig, beschäftigt sind. Deswegen verstehen sie oft nicht, dass ich mit dem Alleinsein sehr gut zurecht komme und die Gesellschaft anderer nicht brauche. Ich bleibe lieber mit meinen Gedanken und mir selber allein, als mich von anderen mit ihrem Gedankenmüll zuschütten zu lassen.

Das mag jetzt alles etwas negativ und sehr egoistisch klingen, und vielleicht ist es das auch. Aber ich rede hier nicht davon, dass ich anderen keine Hilfe und Unterstützung geben möchte, wenn sie sie benötigen. Nur andere zu beschwichtigen, indem ich ihnen Gesellschaft bei ihrem inneren Leiden leiste und sie damit von ihrem eigentlichen Problem auch noch ablenke, das hilft ja auch nicht. Es fördert sogar noch das Problem, weil es keine wirkliche Hilfe bietet, das Problem (der gefühlten Einsamkeit und des Alleinsein) an der Wurzel zu bekämpfen.

Und diese Wurzel erkenne ich unserem ständigen Versuch, nur nicht in uns hinein zu horchen, bloß nicht heraus zu finden, warum wir uns einsam und allein fühlen, und nicht zu unserem wahren Kern vorstoßen zu wollen. Stattdessen wollen wir die Einsamkeit und das Alleinsein oft überdecken sobald es auftritt. Wir suchen sofortige Ablenkung im TV oder Kreuzworträtselheft, im Barbesuch oder dem Gespräch mit Freunden, in Online-spielen, Sex, Drogen, was auch immer. Nur das Alleinsein ertragen wir nicht. Und da kommt der Partner oder die Partnerin gerade recht. Denn es ist ja sozusagen deren Pflicht, mich aufzufangen, wenn es mir schlecht geht.

Ich kann das so nicht weiter machen und meine Zeit und Energie dafür aufwenden, andere Menschen durch meine Anwesenheit und meinen Zuspruch von sich selber abzulenken. Und im Gegenzug werde ich ebenso von mir selber abgelenkt und finde nicht heraus (in 40 Jahren) wer ich wirklich bin, warum ich hier bin, und was ich hier auf der Erde zu suchen habe. Mir ist diese Suche nach mir und meiner Essenz wichtiger als alles andere auf der Welt. Denn wenn ich mich selber nicht kenne, wie soll ich dann anderen helfen, ihre Traurigkeit, Einsamkeit, Bedürftigkeit, zu überwinden? Das scheint mir unmöglich. Bisher habe ich zur grundlegenden Lösung dieser Probleme nichts beigetragen, sondern durch mein Mitgefühl die Sache eher noch verschlimmert. Das muss aufhören.

Aber ich finde es unglaublich schwer, die Erwartungen anderen an mich zu zerstören und ihnen wirklich zu sagen, was ich denke. Ganz besonders in langjährigen Beziehungen zu Freunden, Partner, oder den Eltern, in denen ich mich Jahrelang oder gar Jahrzehnte lang verstellt habe. Das war unehrlich und das werde ich stoppen.

  • Ich (an)erkenne, dass ich es akzeptiert und erlaubt habe, mich hinter meinem Mitgefühl zu verstecken, um die Erwartungen anderer an mich zu erfüllen, mich dadurch selbst verleugnet habe, mir und meinen Wesen untreu wurde, und es mit jedem Mal bei dem ich dieses Verhalten an den Tag legte schwieriger wurde, es abzulegen.
  • Ich (an)erkenne, dass ich es akzeptiert und erlaubt habe, andere über das zu belügen, was ich fühle und denke, wenn es nicht in ihr Bild von mir zu passen schien, ohne je den Versuch zu unternehmen, ehrlich zu sein aus Angst nicht versanden und abgelehnt zu werden.
  • Ich (an)erkenne, dass ich es akzeptiert und erlaubt habe, mich in der Beziehung zu anderen Menschen zu verstellen, um eine Konfrontation zu vermeiden für die ich mich nicht stark genug fühlte, wenn ich erkannte, dass meine Antworten Trauer oder Unverständnis im anderen auslösen könnten.
  • Ich (an)erkenne, dass ich es akzeptiert und erlaubt habe, andere und mich selber zu belügen, statt das offene Gespräch zu suchen und die Konfrontation auszuhalten und durchzustehen.
  • Ich verpflichte mich, mich und meine Gedanken und Gefühle nicht länger vor anderen – und vor mir selber – zu verstecken.
  • Ich verpflichte mich besonders darauf zu achten, wenn Gedanken wie „das wird ihr/ihm aber nicht gefallen“ und „das versteht er/sie sowieso nicht“ auftauchen, dann zu stoppen und inne zu halten, und den Versuch zu unternehmen, meinen Standpunkt möglichst klar zu kommunizieren.
  • Ich verpflichte mich, nicht mehr an Aktivitäten teilzunehmen, die andere nur beruhigen und in ihrem Verhalten und ihren Gedanken und Vorstellungen über mich bestätigen, sodass Konflikte und Konfrontationen vermieden werden.
  • Ich verpflichte mich, stärker an mir selber zu arbeiten und heraus zu finden, was mich wirklich berührt und dies auch offen nach außen zu tragen, sodass meine Umwelt selber entscheiden kann, wie sie darauf reagieren möchte, und nicht mehr Vermutungen anzustellen, was andere über mich denken könnten oder fühlen würden, wenn ich mich authentisch zu dem äußere, was in mir vorgeht.

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